Vom Latifundium zur Cosa Nostra
Die Mafia ist kein uraltes Phänomen, sondern ein Kind des 19. Jahrhunderts. In den großen Landgütern Westsiziliens setzten die abwesenden Eigentümer Verwalter ein, die mit Gewalt für Ordnung und Pacht sorgten. Aus diesen Strukturen wuchs ein Netz aus Schutz, Einschüchterung und Schweigen - die omertà. Nach dem Zweiten Weltkrieg professionalisierte sich die Cosa Nostra, stieg in Bauwirtschaft und internationalen Drogenhandel ein und verstrickte sich tief mit der Politik. In den frühen 1980ern eskalierte ein blutiger Krieg zwischen den Clans, mit hunderten Toten allein in Palermo.
1992: das Jahr, das alles änderte
Den Wendepunkt brachten zwei Richter. Giovanni Falcone und Paolo Borsellino bauten in den 1980ern aus Aussagen von Aussteigern den Maxi-Prozess auf, der 1986 in einem Bunkergerichtssaal begann und mit hunderten Verurteilungen endete. Die Rache kam 1992: Am 23. Mai sprengte die Cosa Nostra die Autobahn bei Capaci und tötete Falcone, am 19. Juli starb Borsellino durch eine Autobombe in der Via D Amelio. Diese beiden Morde kippten die Stimmung. Der Staat reagierte mit aller Härte, Boss Totò Riina wurde 1993 gefasst, Bernardo Provenzano 2006, und mit der Verhaftung von Matteo Messina Denaro im Januar 2023 ging der letzte große Pate ins Gefängnis.
Die Mafia heute und wie man hinsieht
Die Cosa Nostra ist nicht verschwunden, aber sie ist leise geworden. Die offene Gewalt der 1980er gehört der Vergangenheit an, der Einfluss in Wirtschaft und Verwaltung ist geschrumpft. Sichtbar ist heute vor allem der Widerstand: die Bewegung Addiopizzo, deren Mitglieder seit 2004 offen kein Schutzgeld mehr zahlen, und Erinnerungsorte wie das No Mafia Memorial in Palermo oder die Anti-Mafia-Galerie in Corleone. Wer sich mit dieser Geschichte beschäftigen will, findet dort eine ehrliche, unsentimentale Aufarbeitung - und kann mit einem Essen im Addiopizzo-Lokal ganz konkret die richtige Seite unterstützen.
Häufige Fragen
Was ist die Cosa Nostra?
Die sizilianische Mafia, entstanden im 19. Jahrhundert im Westen der Insel. Sie ist in Clans (cosche) organisiert, lebt vom Schweigegebot (omertà) und finanziert sich über Schutzgeld, Drogen, Bau und Politik.
Wer waren Falcone und Borsellino?
Zwei Anti-Mafia-Richter aus Palermo. Giovanni Falcone wurde am 23. Mai 1992 bei Capaci durch eine Sprengladung unter der Autobahn getötet, Paolo Borsellino am 19. Juli 1992 in der Via D Amelio durch eine Autobombe. Beide Morde erschütterten Italien.
Was war der Maxi-Prozess?
Das größte Mafia-Verfahren der Geschichte, 1986/87 in einem eigens gebauten Bunkergerichtssaal in Palermo. Hunderte Angeklagte, hunderte Verurteilungen - aufgebaut auf den Ermittlungen von Falcone und Borsellino.
Wurde der letzte große Boss gefasst?
Ja. Matteo Messina Denaro, jahrzehntelang meistgesuchter Mafioso, wurde im Januar 2023 in einer Klinik in Palermo verhaftet und starb im selben Jahr. Davor waren Totò Riina (1993) und Bernardo Provenzano (2006) gefasst worden.
Ist Sizilien für Reisende sicher?
Ja. Touristen sind kein Ziel der Mafia und bekommen von ihr nichts mit. Mehr im Sicherheits-Guide.
Was ist die Addiopizzo-Bewegung?
Ein Zusammenschluss von Betrieben, die seit 2004 offen kein Schutzgeld (pizzo) mehr zahlen. Inzwischen gehören über tausend Geschäfte und Lokale dazu, erkennbar am Aufkleber im Fenster.
Wo kann ich mich informieren?
Im No Mafia Memorial in Palermo und in der Anti-Mafia-Galerie in Corleone. Beide arbeiten die Geschichte auf, ohne sie zu verklären.
Lohnt sich ein Besuch in Corleone?
Vor allem für die Anti-Mafia-Galerie. Die Stadt selbst, eine Autostunde südlich von Palermo, ist touristisch wenig erschlossen.
Welche Filme erzählen davon?
Neben Der Pate vor allem I Cento Passi über den ermordeten Aktivisten Peppino Impastato und Salvatore Giuliano. Mehr zu Drehorten im Pate-Guide.
Wie präsent ist die Mafia heute?
Die offene Gewalt ist weitgehend verschwunden, die Einflussnahme in Wirtschaft und Verwaltung nicht ganz. Für den Alltag von Reisenden spielt sie keine Rolle.
Offizielle Quellen
- Treccani: Mafia - Geschichte, Struktur und Bekämpfung der organisierten Kriminalität
- Treccani: Giovanni Falcone - der 1992 ermordete Anti-Mafia-Richter
Stand: Juni 2026.