Geboren aus einer Katastrophe
Am 11. Januar 1693 erschütterte eines der schwersten Erdbeben der italienischen Geschichte den Südosten Siziliens. Zehntausende starben, ganze Städte lagen in Trümmern. Was folgte, war ein seltener Glücksfall der Architekturgeschichte: Man baute nicht hier und da aus, sondern errichtete ganze Städte neu - in einem Zug, im modernen Stil der Zeit. So entstand der sizilianische Spätbarock, und mit ihm acht Städte, die sich im Aufbau ähneln und doch jede ihren eigenen Charakter haben. Seit 2002 stehen sie gemeinsam als Val di Noto auf der UNESCO-Welterbeliste.
Die Sprache der Fassaden
Den sizilianischen Barock erkennt man an wenigen, wiederkehrenden Gesten. Die Fassaden sind nicht flach, sondern schwingen vor und zurück, konkav und konvex. Breite Freitreppen heben die Kirchen über die Plätze. Und überall sitzen die mascheroni - groteske Masken, Fratzen, Fabelwesen, die Balkone tragen und Fenster rahmen. Das Material macht den Unterschied: Im Val di Noto ist es heller Kalkstein, der im Abendlicht honiggolden leuchtet, in Catania der schwarze Lavastein des Aetna. Architekten wie Rosario Gagliardi, Vincenzo Sinatra und in Catania Giovanni Battista Vaccarini gaben dem Stil sein Gesicht.
Die schönsten Orte
Vier Städte bilden das Herz der Barock-Tour. Noto ist die theatralischste, ein einziger Bühnenraum aus Stein mit dem Palazzo Nicolaci und seinen maskentragenden Balkonen. Modica klettert einen Talkessel hinauf, gekrönt vom Dom San Giorgio über einer gewaltigen Freitreppe. Ragusa Ibla hat seinen Gagliardi-Dom auf dem höchsten Punkt der Altstadt. Und Scicli ist das stillste, intimste der vier. Wer mehr Zeit hat, ergänzt das Lavastein-Barock von Catania.
Häufige Fragen
Was ist der sizilianische Barock?
Ein Spätbarock-Stil des 18. Jahrhunderts im Südosten der Insel, entstanden beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 1693. Kennzeichen: geschwungene Fassaden, monumentale Treppen und groteske Masken, die mascheroni.
Welche acht Städte gehören zum Welterbe?
Noto, Modica, Ragusa, Scicli, Catania, Caltagirone, Militello und Palazzolo Acreide - alle nach 1693 neu gebaut, seit 2002 UNESCO-Welterbe.
Wer war Rosario Gagliardi?
Der prägende Architekt des Val di Noto (1690-1762). Von ihm stammen der Dom San Giorgio in Ragusa Ibla und Werke in Modica, mit den typischen konkav-konvexen Fassaden.
Was macht die Fassaden besonders?
Sie schwingen vor und zurück, tragen Doppeltürme, groteske Masken und Figuren als Balkonstützen. Der honigfarbene Kalkstein glüht im Abendlicht förmlich.
Worin unterscheidet sich Catania?
Catania wurde aus dem schwarzen Lavastein des Aetna gebaut statt aus hellem Kalkstein. Sein Barock wirkt dadurch düsterer und kontrastreicher - Hauptarchitekt war Giovanni Battista Vaccarini.
Welche Bauwerke muss man sehen?
Die Kathedrale von Noto und der Palazzo Nicolaci mit seinen Balkonfiguren, der Dom San Giorgio in Modica mit der großen Freitreppe und der Dom San Giorgio in Ragusa Ibla.
Was unterscheidet ihn vom Barock in Lecce?
Der apulische Lecce-Barock ist mit seinem weichen Stein verspielter und überbordender. Der sizilianische wirkt klassischer und monumentaler. Beide sind eigenständige Schulen.
Wo sehe ich die Masken (mascheroni)?
Am eindrucksvollsten am Palazzo Nicolaci in Noto, dessen Balkone von grotesken Figuren und Fabelwesen getragen werden.
Wie viel Zeit braucht eine Barock-Tour?
Drei bis vier Tage für die Hauptstädte Noto, Modica, Ragusa und Scicli. Sie liegen im Südosten nah beieinander und lassen sich gut verbinden.
Wann ist das Licht am schönsten?
Im April und Mai sowie im Oktober. Das tief stehende Licht am späten Nachmittag bringt den hellen Stein zum Leuchten.
Offizielle Quellen
- Treccani: Barock - Kunst und Architektur des Barockzeitalters
- Treccani: Val di Noto - das UNESCO-Welterbe der spätbarocken Städte Südostsiziliens
Stand: Juni 2026.