Geboren aus einer Katastrophe
Am 11. Januar 1693 traf das Hauptbeben den Südosten Siziliens, zwei Tage nach einem ersten Stoß. Nach dem Katalog CPTI15 war es das stärkste und verheerendste Beben Italiens der letzten 1.000 Jahre. Ein Tsunami folgte: In Augusta fiel der Hafen trocken, dann überflutete das Meer die Stadt bis rund 150 Meter landeinwärts. In Catania erreichten drei Wellen binnen 15 Minuten die Stadtmauern.
Der Wiederaufbau verlief unterschiedlich. Noto Antica wurde aufgegeben, das heutige Noto entstand ab 1703 an einer tieferen Stelle neu. Catania baute am alten Ort nach einem rechtwinkligen Raster, Ragusa bekam ein neues Zentrum und baute zugleich Ibla auf mittelalterlichem Grundriss wieder auf. Die UNESCO hat die acht Städte 2002 als Spätbarocke Städte des Val di Noto eingetragen. Wie verletzlich die Bauten bleiben, zeigte der Einsturz der Kathedrale von Noto am 13. März 1996, sie wurde erst im Juni 2007 wiedereröffnet.
Die Sprache der Fassaden
Die Fassaden schwingen konkav und konvex, breite Freitreppen heben die Kirchen über die Plätze. An den Palästen sitzen die mascheroni, groteske Masken und Fabelwesen als Balkonkonsolen. Im Val di Noto ist das Material heller Kalkstein. In Catania prägt der schwarze Lavastein des Ätna das Bild, meist im Wechsel mit hellem Stein und Marmor.
Rosario Gagliardi, gestorben 1762, war Architekt der Stadt Noto und ihres Tals, nach seinen Entwürfen entstanden San Giorgio in Ragusa Ibla und mehrere Kirchen in Noto. In Noto wirkte außerdem Vincenzo Sinatra. Giovanni Battista Vaccarini, 1702 in Palermo geboren, übernahm ab 1730 den Wiederaufbau Catanias.
Die schönsten Orte
Vier Städte bilden das Herz der Barock-Tour. In Noto steht der Palazzo Nicolaci nach Entwurf Gagliardis, 90 Räume auf vier Geschossen, im Piano nobile heute die Stadtbibliothek. Modica klettert einen Talkessel hinauf, gekrönt vom Dom San Giorgio über 250 Stufen, innen fünf Schiffe und ein Polyptychon von Bernardino Niger. Ragusa Ibla hat über 50 Kirchen, den Dom San Giorgio nach Gagliardis Plänen von 1738. Dazu kommt Scicli. Wer mehr Zeit hat, ergänzt den Lavastein-Barock von Catania.
Häufige Fragen
Was ist der sizilianische Barock?
Ein Spätbarock-Stil des 18. Jahrhunderts im Südosten der Insel, entstanden beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 1693. Kennzeichen: geschwungene Fassaden, monumentale Treppen und groteske Masken an den Balkonkonsolen, die mascheroni.
Welche acht Städte gehören zum Welterbe?
Noto, Modica, Ragusa, Scicli, Catania, Caltagirone, Militello in Val di Catania und Palazzolo Acreide, seit 2002 UNESCO-Welterbe. Alle bestanden schon vor 1693 und wurden danach teils am alten Ort, teils an neuer Stelle wieder aufgebaut.
Wer war Rosario Gagliardi?
Der prägende Architekt des Val di Noto, gestorben 1762, sein Geburtsjahr ist in den Archiven nicht überliefert. Er trug den Titel Architekt und Ingenieur der Stadt Noto und ihres Tals. Nach seinen Entwürfen entstanden San Giorgio in Ragusa Ibla (Bau 1739-1775), Santa Maria del Carmine (1732) und Santa Chiara in Noto.
Was macht die Fassaden besonders?
Viele schwingen konkav und konvex, Kirchen stehen auf breiten Freitreppen über den Plätzen. Typisch ist auch die Glockenturm-Fassade, an San Giorgio in Modica rund 60 Meter hoch. An den Palästen tragen groteske Figuren die Balkone.
Worin unterscheidet sich Catania?
Catania wurde am alten Ort nach einem rechtwinkligen Straßenraster wieder aufgebaut. Der schwarze Lavastein des Ätna prägt das Bild, meist kombiniert mit hellem Kalkstein oder weißem Marmor. Hauptarchitekt war Giovanni Battista Vaccarini, der 1730 mit 28 Jahren nach Catania kam und Domfassade, Rathaus und Elefantenbrunnen schuf.
Welche Bauwerke muss man sehen?
Die Kathedrale von Noto und den Palazzo Nicolaci mit seinen Balkonfiguren, den Dom San Giorgio in Modica mit seiner Freitreppe von 250 Stufen, den Dom San Giorgio in Ragusa Ibla und in Caltagirone die Treppe Santa Maria del Monte mit 142 Majolika-Stufen.
Warum gilt der Barock des Val di Noto als Welterbe?
Die UNESCO würdigt die acht Städte als gemeinsames Wiederaufbauwerk nach dem Erdbeben, das auf hohem architektonischem Niveau gelang. Zugleich sind sie ein Beispiel für Stadtplanung in einem Gebiet, das dauerhaft von Erdbeben und Ätna-Ausbrüchen bedroht ist.
Wo sehe ich die Masken (mascheroni)?
Am Palazzo Nicolaci in Noto tragen Hippogryphen, Pferde, Sirenen, Löwen, Sphingen und Engel die Balkone. In Ragusa zeigt der Palazzo Zacco aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts groteske Masken und Musikanten, heute beherbergt er das Museo del Tempo Contadino.
Wie viel Zeit braucht eine Barock-Tour?
Drei bis vier Tage für Noto, Modica, Ragusa und Scicli. Ohne Auto fährt der Zug von Syrakus in 32-46 Minuten nach Noto, nach Modica in 1 Std 45-55 Minuten. Termine im Jahr: die Infiorata in Noto im Mai, 2026 vom 15. bis 19. Mai, und die Scala Illuminata in Caltagirone am 24./25. Juli und 14./15. August.
Wann war das Erdbeben genau?
Es gab zwei Stöße, am 9. und am 11. Januar 1693, das Hauptbeben am 11. Januar um 13.30 Uhr Greenwich-Zeit. Die amtliche Zählung vom Mai 1693 kam auf rund 54.000 Tote. Nach dem Parametrischen Katalog CPTI15 war es das stärkste und verheerendste Beben Italiens der letzten 1.000 Jahre.
Quellen
- La Sicilia in Rete: UNESCO-Begründung zum Val di Noto
- INGV: Erdbeben und Tsunami vom 11. Januar 1693
- Treccani, Dizionario Biografico: Rosario Gagliardi
- Treccani: Giovanni Battista Vaccarini
- Treccani: Noto - Neubau ab 1703
- Italia.it: Dom San Giorgio in Modica
- Balarm: Barocke Adelspaläste - Palazzo Nicolaci und Palazzo Zacco
- SiViaggia: Catanias Barock aus Lavastein
Stand: Oktober 2026.